Schmerzgedächtnis: Nervenzellen erinnern sich

Schmerzgedächtnis: Nervenzellen erinnern sich

Das Schmerzgedächtnis: belastendes Erinnerungsvermögen von Nervenzellen

Das Schmerzgedächtnis beeinträchtigt möglicherweise das Leben von Millionen Menschen in Deutschland. Es ist verantwortlich für chronische Schmerzen, die das Leben zur Qual machen können. Ungefähr jeder fünfte Patient klagt beim Hausarzt über chronische Schmerzen. Sie sind leichter zu ertragen, wenn Sie die Ursache kennen, zum Beispiel ein Unfall oder eine Operation. Zermürbend wirken chronische Schmerzen jedoch, wenn Ihr Arzt den Grund für die Pein nicht finden kann. Verantwortlich für starke Schmerzen ohne erkennbaren Anlass ist das Schmerzgedächtnis.

Chronische Schmerzbehandlung Randgebiet der Medizin

Mediziner beklagen seit Jahren, dass Studenten zu wenig über Schmerzen und Schmerztherapie lernen. Der akute Schmerz und dessen Behandlung stehen beim Lehrplan der Medizin im Vordergrund. Die Therapie von chronischen Schmerzen bleibt dagegen ein Randgebiet der Medizin. Dabei sind lang anhaltende, täglich wiederkehrende Schmerzen eine Tortur für jeden Menschen. Oft suchen Ärzte vergeblich nach dem konkreten Auslöser für diese Schmerzen. Der Patient befindet sich auf einem Leidensweg. Häufig hört er in diesen Situationen, der Schmerz sei psychosomatischer Natur – eine wenig hilfreiche Diagnose.

Schmerz: Zusammenspiel von Gehirn, Rückenmark und Nervenzelle

Tatsächlich dürfte für viele chronische Schmerzen das sogenannte Schmerzgedächtnis verantwortlich sein – eine physische Veränderung von Nervenzellen, die sich oft im Zusammenspiel mit der Psyche entwickelt. Menschen mit Ängsten und Depressionen leiden häufig unter chronischen Schmerzen, die sich aus akuten Schmerzen entwickeln. Fast überall im menschlichen Körper befinden sich Schmerzrezeptoren von Nervenzellen. Registrieren sie einen Schmerz auslösenden Reiz, so melden sie diesen an das Rückenmark und das Gehirn weiter. Erst jetzt empfindet der Betroffene die Schmerzen.

Nervenzellen werden empfindlicher

Wenn Schmerzen länger als drei Monate lang anhalten, sprechen Mediziner von chronischen Schmerzen. Lang anhaltende Schmerzen oder sehr starke Schmerzen führen zu einem Schmerzgedächtnis. Die Rezeptoren, das Rückenmark und das Gehirn reagieren immer empfindlicher auf die gleichen Reize. Der Schmerz hat die Struktur der Nervenzellen verändert. Er hat sich sozusagen in das Nervensystem eingebrannt und tritt nun auch ohne Auslöser auf.

Universaler Botenstoff Kalzium verantwortlich

Im Jahr 2013 entdeckten Wissenschaftler der Universität Heidelberg [1], welcher Botenstoff für chronische Schmerzen und die Ausbildung des Schmerzgedächtnisses verantwortlich ist: Kalzium. Wenn ein Signal eine Nervenzelle aktiviert, nimmt sie Kalzium aus der Umgebung auf. Bei sehr heftigen und lang andauernden Schmerzen gelangt viel Kalzium in die Zelle. Wenn es den Zellkern erreicht – was normalerweise nicht der Fall ist – kann es bestimmte Gene deaktivieren. Diese Gene kontrollieren die Anzahl der Synapsen einer Nervenzelle. Synapsen sind Übertragungsorte für bioelektrische Reize. Befindet sich Kalzium im Zellkern, bilden sich durch die Blockierung entsprechender Gene zusätzliche Synapsen aus. Das bedeutet, die Nervenzelle wird um ein Vielfaches empfindlicher – das Schmerzgedächtnis bildet sich aus.

Rätselhaftes Krankheitsbild Fibromyalgie

Die Strukturveränderung bestimmter Nervenbahnen erklärt, warum der Schmerz so hartnäckig bleibt – auch wenn keine Ursache erkennbar ist. Das rätselhafte Krankheitsbild Fibromyalgie ist durch chronische Schmerzen gekennzeichnet. Das Schmerzgedächtnis liefert in diesen Fällen eine Erklärung, warum Ärzte bisher keine konkreten Ursachen für Schmerzen bei Fibromyalgie finden konnten. Weitere Symptome dieser Krankheit sind Müdigkeit, Depressionen sowie Magen-Darm-Probleme. Mediziner und Wissenschaftler suchen nach wie vor nach der Ursache für die Entwicklung des Schmerzgedächtnisses und der Fibromyalgie. Sie vermuten, dass genetische Veranlagung ebenso eine Rolle spielt wie psychische und soziale Komponenten. Stress scheint die Entstehung zu begünstigen.

Wie können Sie ein Schmerzgedächtnis löschen?

Das Schmerzgedächtnis zu löschen ist kein einfaches Unterfangen. Bei der Behandlung chronischer Schmerzen steht zunächst die Schmerzlinderung im Vordergrund. Pflanzliche Mittel wie Rheumagil bieten hier den Vorteil, Schmerzen wirksam zu bekämpfen ohne die Nebenwirkungen von chemischen Medikamenten. Die hochsensiblen Nervenzellen außer Kraft zu setzen, gelingt bisher nur mit Hilfe einer komplexen Therapie. Entspannungstechniken, Psychotherapie und physikalische Therapien gemeinsam können neuronale Plastizität unterstützen.

Neuronale Plastizität anregen

Neuronale Plastizität bezeichnet die Eigenschaft des Gehirns und aller Nervenzellen, lebenslang zu lernen und neue Nervenverbindungen herzustellen. So wie sich ein Schmerzgedächtnis entwickelt hat, ist der menschliche Körper in der Lage, das Schmerzgedächtnis außer Kraft zu setzen. In der Regel geht das nicht von heute auf morgen. Im Jahr 2012 entwickelten Ärzte der Universität Wien jedoch eine Methode, chronische Schmerzen mit Opioiden zu bekämpfen. Sie spritzten den Patienten unter Narkose eine hohe Dosis intravenös. Während manche Kranke gut darauf ansprachen, wirkte diese Methode bei anderen Patienten überhaupt nicht. Als Vorbeugung gegen chronische Schmerzen empfehlen Wissenschaftler Bewegung: dreimal die Woche, mindestens 40 Minuten lang. Das bringt den Körper dazu, entzündungshemmende Botenstoffe auszuschütten. Diese schützen nicht nur vor Schmerzen, sondern auch vor Altersdemenz, Depressionen und Stress

Artikel teilen:

Einzelnachweise

[1] Manuela Simonetti, Anna M. Hagenston, Daniel Vardeh, H. Eckehard Freitag, Daniela Mauceri, Jianning Lu, Venkata P. Satagopam, Reinhard Schneider, Michael Costigan, Hilmar Bading, Rohini Kuner: Nuclear Calcium Signaling in Spinal Neurons Drives a Genomic Program Required for Persistent Inflammatory Pain. Neuron, Volume 77, Issue 1, 43-57, 9 January; 2013; dx.doi.org/10.1016/j.neuron.2012.10.037